Datenräume

Interview mit Linda Rülicke (Fraunhofer IEE)

Frau Rülicke, welche Treiber sind ausschlaggebend dafür, dass die Energiewirtschaft digitalisiert werden muss?
Linda Rülicke: Die Digitalisierung der Energiewirtschaft wird vor allem durch den Zubau erneuerbarer Energien vorangetrieben, da diese dezentraler und volatiler sind und eine präzisere Abstimmung zwischen Erzeugung und Verbrauch erfordern. Auch die Liberalisierung des Marktes spielt eine Rolle, da sie den Wettbewerb fördert und digitale Systeme notwendig macht, um starre Strukturen aufzubrechen. Die zunehmende Datenmenge, etwa durch Smart Meter, stellt eine Herausforderung dar, die durch Automatisierung und Digitalisierung gemeistert werden kann. Dies würde Unternehmen entlasten und mehr Transparenz für Endnutzer schaffen. Zudem könnten regulatorische Prozesse effizienter gestaltet werden, indem sie automatisiert werden.

Welche Rolle spielen Daten in der Energiewirtschaft, und welche Chancen ergeben sich durch deren Austausch?
Daten spielen in der Energiewirtschaft eine zentrale Rolle. Im Vergleich zu anderen Sektoren stellt sich hier jedoch die Frage, ob wir über den regulierten oder den unregulierten Bereich sprechen.
Im regulierten Bereich sind Prozesse und Datenformate klar vorgeschrieben, etwa für die Abstimmung zwischen Netzbetreibern und Stromanbietern. Sie müssen genau erfassen, wie viel Strom erzeugt und verbraucht wurde, um eine ausgeglichene Bilanz sicherzustellen. Die Kommunikation zwischen den Marktakteuren erfolgt nach festgelegten Regeln, basiert jedoch oft auf veralteten Strukturen, die kaum automatisiert oder digitalisiert sind. Genau darin liegt eine große Herausforderung, an der derzeit gearbeitet wird. Im unregulierten Bereich sieht es ähnlich aus wie in anderen Branchen: Es gibt eine Vielzahl an Daten, doch Unternehmen geben diese nur ungern weiter. Häufig fehlen Joint Ventures oder andere Kooperationsmodelle, die es ermöglichen würden, Daten gemeinsam zu nutzen und dadurch einen größeren Mehrwert zu generieren. Stattdessen versucht jedes Unternehmen, seine eigenen Daten bestmöglich zu optimieren und für sich zu nutzen – mit unterschiedlichem Erfolg. Eine große Chance ergibt sich beispielsweise im Bereich Predictive Maintenance. Hier könnte der gemeinsame Austausch von Daten, etwa aus Windenergieanlagen, dazu beitragen, Fehler frühzeitig zu erkennen und genauere Analysen zu ermöglichen. Wenn Unternehmen ihre Daten gemeinsam nutzen würden, könnten sie ihre Prognosemodelle verbessern und effizientere Wartungsstrategien entwickeln.

Welche Herausforderungen bestehen beim sicheren und effizienten Datenaustausch, und wie können Datenräume dabei helfen?
Im regulierten Bereich sind die Strukturen oft starr und komplex, wodurch innovative Konzepte schwer umzusetzen sind. Neue Ideen lassen sich nur schwer in bestehende Prozesse integrieren. Eine weitere Herausforderung betrifft die Messwertverarbeitung: Derzeit werden Verbrauchsdaten meist nur einmal im Jahr erfasst. Mit intelligenten Messsystemen könnte dies künftig viertelstündlich erfolgen, was zwar die Datenmenge nicht drastisch erhöht, aber die Verarbeitung deutlich anspruchsvoller macht. Datenräume können helfen, indem sie standardisierte, sichere Plattformen für den Datenaustausch bieten. Sie ermöglichen eine kontrollierte, effiziente Nutzung von Daten, ohne dass Unternehmen ihre Souveränität über ihre eigenen Daten verlieren.

Welche konkreten Anwendungsfälle für Datenräume gibt es bereits in der Energiewirtschaft?
Aktuell gibt es mehrere Datenraum-Projekte in der Energiewirtschaft. Ein Beispiel ist energy data-X, ein Energiedatenraum mit Fokus auf den regulierten Bereich. Hier wird eine Prozessengine entwickelt, die den Datenaustausch zwischen Marktpartnern automatisiert – ohne zentrale Speicherung der Daten. Stattdessen gibt ein Orchestrator nur Impulse, wer welche Daten an wen senden soll. Ein weiteres großes Projekt ist das dena-Testfeld der Deutschen Energie-Agentur. Hier wird der Einsatz von Datenräumen in realen Haushalten getestet, um den sicheren und effizienten Austausch von Energiedaten zu erproben. Beide Projekte haben bereits einen hohen Reifegrad und werden intensiv weiterentwickelt.

Wie können Unternehmen Datenräume nutzen, um Innovationen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln?
Ein konkretes Beispiel ist energy data-X, das im September einen voll funktionsfähigen Datenraum bereitstellen wird. Unternehmen, die innovative Anwendungsfälle erproben möchten, können sich dem Konsortium anschließen, beispielsweise über den Konsortialführer TenneT oder Steffen Hofer. Dafür wurde ein standardisiertes Onboarding entwickelt. Dieser Prozess stellt sicher, dass alle Teilnehmer die gleichen technischen und rechtlichen Voraussetzungen erfüllen. Dazu gehört u. a. die Einrichtung eines Konnektors, der den Zugang zum Datenraum ermöglicht und den Standards von EDX entspricht. Der Datenraum richtet sich vor allem an Unternehmen aus dem Energiesektor, die bereits als Marktakteure aktiv sind. Aber auch angrenzende Branchen wie Wärme und Mobilität sind von Interesse – beispielsweise Ladesäulenbetreiber oder Fahrzeughersteller, die Daten bereitstellen oder vom Austausch profitieren könnten. Sobald Unternehmen Teil des Datenraums sind, können sie datengetriebene Innovationen entwickeln und neue Geschäftsmodelle testen – auf einer sicheren, standardisierten und fairen Plattform.

Wie wird sich die Nutzung von Daten in der Energiewirtschaft in den nächsten Jahren entwickeln?
Ein zentraler Trend ist die stärkere Automatisierung von Prozessen, die aktuell noch sehr manuell geprägt sind. Das verzögert Abläufe und wird mit zunehmend häufigeren Datenübertragungen – etwa im 15-Minuten-Takt – nicht mehr praktikabel. Ein konkretes Beispiel ist der geplante 24-Stunden-Lieferantenwechsel, der es ermöglichen soll, innerhalb eines Tages den Stromanbieter zu wechseln. Das ist nur mit automatisierten Prozessen realisierbar, da manuelle Prüfungen zu langsam wären.
Zudem stehen Unternehmen unter hohem Anpassungsdruck, während gleichzeitig Fachkräfte fehlen. Mehr Automatisierung und Digitalisierung könnten daher nicht nur die Effizienz steigern, sondern auch eine spürbare Entlastung für die Branche bringen.

Linda Rülicke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Innovationsfeld Digitale Ökosysteme am Fraunhofer IEE. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Umsetzung einer dezentralen Datenhaltung und die Untersuchung der Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Prozesse.